Mein Tag im Leben eines Terroristen

(Bezug nehmend auf den Artikel von Welt-Online des Herrn Florian Flade: http://www.welt.de/politik/deutschland/article9152746/Als-Taliban-kann-der-Spieler-Nato-Soldaten-toeten.html)

Anlässlich der wieder einmal aufkeimenden Diskussion um Wirkung und Darstellung von Gewalt in Computerspielen möchten wir nun unsere unregelmäßig erscheinende Kolumne vorstellen.

“Medal of Honor” erzürnt die Militärs: Um zu gewinnen, müssen in Afghanistan westliche Soldaten erschossen werden.

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Das Computerspiel “Medal of Honor” der kalifornischen Firma “Electronic Arts” ist eine besonders umstrittene Form des “Egoshooter”-Genres – schließlich wird der Spieler zum Taliban.

 

Die Zukunft:

14.Oktober, 0855 MEZ

 Ich erwache, nachdem ein intensiver Traum mich schlecht hat schlafen lassen. Hin- und hergerissen zwischen Pflichterfüllung und Glauben habe ich in dieser Nacht einige Zeit gekämpft und gebetet.

[…]

Nach Dusche und WC kleide ich mich an. Nervosität macht sich breit. Ich schaue auf die Uhr: 9:22 steht dort in großen roten Lettern. Nicht mehr lange…

[…]

Den Bus erwische ich gerade noch – glück gehabt, in 25 Minuten öffnen die Geschäfte. Mein Kampf wird beginnen.

 14. Oktober, 0955 MEZ

 Die Mitarbeiterin des Geschäfts schließt die Tür auf und … „Moment, keiner außer mir hier? Keiner da der für eine gerechte Sache kämpfen will?“

Ist mir egal, ich mache meinen Weg durch den Laden kurz und knapp. Lege grinsend zwei Fünfzig Euroscheine auf den Tresen und denke nur: “Wenn du wüsstest…dies ist mein Werkzeug zur Befreiung“.

 14. Oktober, 1136 MEZ

 Installiert.

 Gestartet.

Die erste Enttäuschung, den Einzelspieler-Modus des Spiels muss ich leider außer Acht lassen, da hier nur die „böse“ Seite gespielt werden kann. Also Mehrspieler-Modus…Spiel suchen…“Hmmm keine Spiele da? Wenn soll ich denn jetzt bekämpfen?“

16. Oktober, 0324 MEZ

Ein Spiel mit vier Personen konnte ich bisher spielen…ich konnte die Uniformen nicht richtig unterscheiden. Hab auf die falschen oder nicht auf die richtigen geschossen. Man sagte mir, ich brauche neue PC Hardware. Also mein letztes Erspartes auf den Kopf gehauen…dann bin ich eingeschlafen.

21. Oktober, 1732 MEZ

Der neue PC ist da…

Mein Kampf hat begonnen. Ich sitze täglich mindestens 18 Stunden vor dem Rechner, meinen Job habe ich gekündigt, Geld brauche ich vorerst nicht für meinen Kampf und die Stromrechnung kann ich gerade noch bezahlen.

Ich habe mittlerweile schon Erfahrung. Die Teamzusammenstellung erfolgt automatisch, also muss ich regelmäßig den Server wechseln, schließlich will ich meinen Kampf auf der richtigen Seite kämpfen. Wieder falsche Seite, also wieder wechseln. Ladebalken…das dauert. Aber dann endlich…mein Leben als Taliban, die Realität wird ausgeblendet, oder eingeblendet…oder:

Ich laufe los, dort ein Kämpfer. Freund oder Feind? Über die Entfernung ist es schwer, aber ich habe mir die Bilder schon eingeprägt. Feind, also Feuer. Ich treffe, er fällt. Ich lache und ziehe mein Messer. Laufe hin…auf dem Weg dorthin hat mich wohl so ein feiger NATO-Soldat gesehen und von hinten erschossen. Hmmm…ich bin ein Gotteskrieger, gleich stehe ich wieder auf. *Hahaha*

Da bin ich wieder, mir ist nichts passiert, es wundert mich zwar, dass ich keine Schmerzen habe, aber lange denke ich nicht darüber nach. Es gilt einen Krieg zu gewinnen.

Ich laufe wieder los, die Leiche meines eben getroffenen Feindes liegt noch da. Ich benutze mein Messer, um mein Zeichen reinzuritzen. Man kann es zwar nicht sehen, aber ich nehme das symbolisch. Der eben erschossene Soldat steht wieder vor mir – wieso eigentlich? ICH bin hier der Gotteskrieger, nicht du! Erwischt, das Training zahlt sich aus. Dann taucht er schon wieder auf…was ist denn hier los? Das hier ist die Realität, wieso stehen die wieder auf?

Die Realität bricht zusammen. Fehlermeldung: Irgendwas mit DirectX oder so…muss ich wohl die Welt neustarten.

Ich bin wieder drinnen, bäääh, falsche Seite, neuen Server suchen. Muss – NATO – Soldaten – töten!

 23. Oktober, 2133 MEZ

Es klappt nicht mehr…irgendwie muss ich immer daran denken, dass dies nur ein PC-Spiel ist. Die Gegner stehen immer wieder auf, es geht nach Punkten, ich kann mich nicht entscheiden, dass ich meinen Glaubenskrieg dauerhaft führen kann, immer wieder muss ich die Bösen sein. Eine Blase ist zerplatzt, ich muss irgendetwas machen…die Realität ist irgendwo da draußen.

30. Oktober, 1911 MEZ

Ich bin im Lager angekommen. Alle schreien mich an. Ich muss laufen, rennen, robben, schleichen, werde beschossen, aber ich habe eine echte AK47 bekommen. Beim Schießen schmerzt mein Arm, meine Lunge rasselt. Kein gutes Essen hier, keine Toiletten, noch nicht einmal ne Dusche.

03. November, 0345 MEZ

Ich habe auf einen Menschen geschossen…in echt…is ganz anders als ich es mir vorgestellt hab. Macht keinen Spaß, gibt keine Punkte. Blasen an den Füßen vom vielen laufen, rennen, robben und schleichen. Und Angst…ich habe Angst.

10. November, 1411 MEZ

Jetzt bin ich wieder in Deutschland und arbeite beim Bäcker nebenan als Küchenhilfe. Die Realität ist doch ein wenig anders als ein PC-Spiel.

(der Autor weißt darauf hin, dass dies eine fiktive Geschichte ist, die die polemischen Aussagen, in der Öffentlichkeit stehender Menschen über Fiktion und Realität von PC-Spielen ein wenig auf Korn nimmt.

Lieber BND, ich werde zwischen dem 23.10.2010 und dem 30.10.2010 natürlich keinen Flug Richtung Afganistan besteigen.)

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